Zum Jubiläum „100 Jahre Wormser Lutherkirche“ gewährt der Leiter des Stadtarchivs Einblick in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg
(Wormser Zeitung vom 01.02.2012) Von Gunter Weigand
100 JAHRE LUTHERKIRCHE Leiter des Stadtarchivs gewährt zum Jubiläum Einblick in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg
„Es war eine ganz andere Zeit, damals“, sagte Dekan Harald Storch anlässlich der offiziellen Eröffnung des Festjahres zum 100. Jubiläum der Lutherkirche. In seinem geistlichen Impuls brachte er die Hoffnung zum Ausdruck, die Lutherkirche möge auch künftig eine „Kirche der lebendigen Steine“ sein. Für die musikalische Umrahmung sorgte das von Luther-Kantor Christian Schmitt geleitete Trio circulo.
Gesellschaft vor 100 Jahren in einem Spannungsfeld
In welchem Spannungsfeld sich die Gesellschaft im Jahr 1912 befand, welche technischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen die Menschen damals erlebten, vermittelte Dr. Gerold Bönnen in seinem Vortrag den zahlreichen Gästen auf anschauliche Weise. Die Gesellschaft habe sich damals in einem Spannungsfeld befunden, sagte der Leiter des Stadtarchivs. Auf der einen Seite rasante technische Entwicklungen und enorme wirtschaftliche Wachstumsschübe, auf der anderen Seite aber auch eine überkommene Sozialstruktur mit Zensus-Wahlrecht und einer drückenden Armut in der Arbeiterschicht.
In der Weltgeschichte passierte 1912 so einiges: Die Titanic sank auf ihrer Jungfernfahrt, Lenin formierte die Bolschewisten um sich, auf dem Balkan wurde Krieg geführt, und in Radebeul verstarb der Schriftsteller Karl May. Bönnen richtete im ersten Teil seines Vortrags den Fokus auf die Vorahnung eines bevorstehenden Krieges, die sich damals in ganz Europa breit machte.
Worms zählte vor hundert Jahren knapp 48 000 Bürger, die von einer ständig wachsenden modernen Infrastruktur zumindest teilweise profitieren konnten. Wie fortschrittlich manche Kommunen und insbesondere Worms zu jener Zeit gewesen seien, zeige sich auch in der Tatsache, dass die Stadt Worms 1904 auf der Weltausstellung in St. Louis ihr Entsorgungssystem präsentiert habe, so Bönnen.
Die Schattenseiten des raschen Wachstums thematisierte der Leiter des Stadtarchivs ebenfalls: So herrschte eine derart starke Wohnungsnot, dass sich häufig mehrere Familien eine kleine Wohnung teilten. Als Beispiel zitierte Bönnen aus einem Rechenschaftsbericht des damaligen Oberbürgermeisters Heinrich Köhler, der von einer Ein-Zimmer-Wohnung mit Küche berichtete, in der zehn Menschen lebten. Auch eine Bestandsaufnahme des Protestantismus und die immer schärfer zunehmende Radikalisierung des Nationalgefühls, die sich in Worms unter anderem durch die Ortsgruppe des Flottenvereins und sage und schreibe 18 Wehr- und Veteranenvereinigungen ausdrückte, hatte der Historiker im Blickfeld.
Musikgesellschaft und Liedertafel schaffen Kultur
Kulturell wurde im Vorfeld des Ersten Weltkrieges in Worms einiges geboten. Verantwortlich hierfür war hauptsächlich die Musikgesellschaft und Liedertafel 1812, die zahlreiche Veranstaltungen organisierten. So gingen im Konzertjahr 1912/13 unter anderem 26 Schauspiel-Aufführungen, neun Operninszenierungen und ein Sinfoniekonzert im Wormser Spiel- und Festhaus auf ihr Konto.
Welche Musik damals unter anderem gespielt wurde, demonstrierte das Trio circulo mit ausgesuchten Werken des frühen 20. Jahrhunderts. Christian Schmitt (Flügel), Katharina Schmitt (Violoncello) und Olga Nodel (Violine) präsentierten Kammermusik von Erwin Schulhoff, Charles Koechlin, Erich Wolfgang Korngold und Rudi Stephan.
